Brettspiel statt Sammelwut: Wie die Einsteigerbox Magic zum Living Card Game kondensiert
Starter-Sets wie die Einsteigerbox zu Magic: The Gatherings Avatar-Set oder Dungeons & Dragons reduzieren die Komplexität ihres Spiels gerne auf Gesellschaftsspielniveau, sagt Pascal Marc Wagner. Ein Beitrag zum Sammelband Exploring Card Games.

Wie in diversen anderen Beiträgen zu diesem Sammelband ersichtlich wurde, ist Magic: The Gathering von Wizards of the Coast (und dessen Konzernmutter Hasbro) nicht nur das älteste und erfolgreichste Trading Card Game der Welt, sondern auch ziemlich komplex. Das betrifft zum einen das Regelwerk, dessen Feinheiten wie Priority, Stack Resolves und Infinite Combos, um beim Community-üblichen englischen Jargon zu bleiben, neuen Spieler*innen oft schwer fallen. Zum anderen aber ist die Komplexität Sammelkartenspielen auch inhärent, egal wie einfach das Regelwerk ist: Da solche Spiele darauf ausgelegt sind, stets neue Sets und Boosterpackungen zu verkaufen, muss jedes neue Produkt ansprechender, besser, aufregender sein als das vorherige, um Spieler*innen bei der Stange zu halten. Auch hier können Anfänger*innen auf der Strecke bleiben, weil Komplexität, Produktvielfalt und Kaufdruck ihnen zu viel werden.
Die Einsteigerbox von Magic: The Gathering zum Avatar-Set 2025. (Foto: Pascal Wagner)
Für Neulinge: Geschlossene Spiele statt sammelbare Produkte
Wizards of the Coast ist sich dieser Problematik durchaus bewusst und veröffentlicht in regelmäßigen Abständen, meist ungefähr einmal pro Jahr, anfängerfreundlichere Sets sowie neue Einstiegsprodukte. 2024 war das etwa Magic the Gathering: Foundations (Grundstein auf deutsch), ein Set, in dem komplexere Mechaniken bewusst ausgespart waren und auf denen Keywords, die sonst für sich stehen, auf Karten detailliert ausgeschriebene Erklärungen mit sich brachten. 2025 schließlich kam die Viacom/Nickelodeon-Kooperation Avatar: The Last Airbender ins Spiel. Das Set sparte nicht an komplexen (und hervorragend ins Kartenspiel passenden) Umsetzungen der Elementar-Bändigungs-Fähigkeiten aus der Serie, bot jedoch auch mehrere Produkte an, die sich explizit an Anfänger*innen richteten. Eines davon war die Einsteigerbox. Diese nahm das Konzept des Jumpstart-Spielmodus, bei dem vorgefertigte Deckhälften zum Zusammenmischen als Boosterinhalt verkauft werden, und integrierte sie in ein neues Lernkonzept in Form einer geschlossenen Spielerfahrung. Die Box enthält zehn festgelegte Jumpstart-Deckhälften, von denen zwei bereits vorgemischt sind und Zug-für-Zug-Anleitungen beinhalten, mit denen zwei Spieler*innen sich ohne Hilfe von außen durch ihr erstes Match leiten können. Diesen beiden Mini-Decks, basierend auf den Avatar-Figuren Aang und Zuko, leiten die Spieler*innen mit ihren Anleitungsheften durch die wichtigsten Mechaniken, von Kreaturenzaubersprüchen über das Timing von Spontanzaubern, Angriffen und Doppelblock bis hin zum Reduzieren der Lebenspunkte des Gegners*der Gegnerin auf null.
Zwei Zug-für-Zug-Anleitungen sowie ein allgemeines Regelheft führen durch die ersten Partie. Die Decks sind so vorgemischt, dass sie alle wichtigen Regeln auch wirklich abdecken. (Foto: Pascal Wagner)
Nach der ersten Spielrunde dürfen die Decks dann gemischt und auch mit den acht anderen Deckhälften kombiniert werden. Das sorgt dafür, dass die Einsteigerbox nicht nur zum Erlernen des Spiels funktioniert, sondern auch als Spiel: Die zehn Deckhälften können in insgesamt 45 verschiedenen Kombinationen miteinander gemischt und gegeneinander gespielt werden. Das ist eine Menge Spielzeit, in der das Spiel nicht nur erlernt werden kann, sondern in der Spieler*innen auch stets neue Kombos zwischen den Karten zweier Deckhälften finden, immer vertrauter mit den Regeln werden und vielleicht sogar ihrer Kreativität freieren Lauf lassen, indem sie Karten aus den einzelnen Deckhälften miteinander tauschen. Die Karten aus der Box sind dabei bewusst simpel gehalten, um das Spiel gut erlernen zu können – bis auf einige wenige, die dem regulären Avatar-Spielset entnommen sind und die neue Spieler*innen durchaus vor Verständnisprobleme stellen können. Ich weiß zum Beispiel nicht, was die Karte „Wendige Wasserbändigerin“ hierin verloren hat, deren Kombination aus Wasserbändigen und dem Tauschen von Stärke und Widerstandskraft im Kontext der Timing-Regeln von Magic: The Gathering wohl zu den komplexesten Effekten des Sets gehört. Man wird also wohl nicht ganz ohne äußere Hilfe die richtigen Regeln des Spiels lernen, auch wenn der Box nicht nur die beiden Zug-um-Zug-Anleitungen der Tutorialdecks, sondern auch ein allgemeiner Regelleitfaden beiliegt.

Die Flexible Wasserbändigerin ist eine der Karten aus der Einsteigerbox, die Neulinge ziemlich sicher überfordern dürften. Zum Glück gibt es davon nicht viele (Wizards of the Coast/Viacom)
Dennoch: die so komplett in sich geschlossen funktionierende Einsteigerbox erhält so das Gefühl eines Living Card Games (LCG), also eines Kartenspiels, bei dem alle Karten vorhanden sind, und bei dem neue Set-Erweiterungen ohne Zufallsfaktor geschlossen hinzugekauft werden können. Dieses Hinrücken in Richtung eines LCG, also effektiv eines abgeschlossenen, aber erweiterbaren Gesellschaftsspiels, wird zusätzlich verstärkt durch die Materialien, die die Box zum Spielen und Aufbewahren liefert: So enthält die Packung etwa zehn Trennelemente aus recht hochwertiger Pappe, um die zehn Deckhälften sauber in einem Seitenbereich zu lagern.
Recht hochwertige Aufbewahrungselemente und Packungseinlagen geben der Box ein Brettspiel-Feeling (Foto: Pascal Wagner)
Außerdem enthält das Set zwei klappbare Spielmatten: Keine dünnen Papiermatten, wie sie jedem Starter-Deck etwa bei beim Pokémon TCG oder bei Yu-Gi-Oh! beiliegen, sondern solche aus fester Pappe wie ein reguläres Brettspiel-Spielbrett. Die darauf angezeigten Spielbereiche werden Spieler*innen schon nach wenigen Matches nicht mehr benötigen, und doch gibt das Vorhandensein dieser Bretter dem Spiel die Qualität eines Brettspiels. Es ist also durchaus möglich, die Einsteigerbox als einziges Produkt von Magic: The Gathering zu besitzen und auch längerfristig zu spielen. Natürlich ist das nicht ihr eigentlicher Sinn, denn sie ist schließlich als heranführendes Produkt gedacht. Werbung innerhalb der Box soll ebenso auf die zusätzlichen Produkte aufmerksam machen wie die Nutzung des Jumpstart-Formats in der Box, denn der logische nächste Schritt, möchte man als Spieler*in beim Konzept der Box bleiben, wäre das Zukaufen neuer Jumpstart-Booster.
Die Karton-Spielunterlagen sind weit davon entfernt, die Qualität von professionellen Spielmatten zu haben, spielen aber ins Brettspiel-Feeling der Box hinein und sind ehrlich nützlich für neue Spieler*innen (Foto: Pascal Wagner)
Ein gelungener modularer Einstieg
Im Prinzip ist Magic: The Gatherings Einsteigerbox damit ein modulares Format: Es bietet den Grundstock eines Spielformats und dazu sowohl Lagerplatz als auch interessante Anknüpfungspunkte, um mit neu eingekauften Karten ausgebaut zu werden oder die Karten aus dem Set für andere Spielformen zu nutzen. Letzteres wird zwar dadurch gedämmt, dass die Karten in der Einsteigerbox aufgrund ihres schwachen Kraftlevels für vorhandene Spieler*innen vollends uninteressant sind. Ich halte das jedoch nicht für eine Schwäche, sondern für eine Stärke, da die Box so für den Zweitmarkt unattraktiv ist. Wizards of the Coast verlangt für die Box zwar den in meinen Augen deutlich zu hoch angesetzten Listenpreis von 34,99 Euro, tatsächlich ist sie allerdings meist zwischen 15 und 20 Euro zu haben, was ich sehr viel gerechtfertigter finde. Zu diesem Preis fällt dann auch das größte Manko der Box nicht ins Gewicht: Denn ich habe noch nie so schlecht produzierte Magic-Karten in deutscher Sprache gesehen. Karten aus amerikanischen Druckereien sind unter Spieler*innen berüchtigt für oft zu dunkel gedruckte Farben, ausgefranste Kartenecken und verschobene Ränder. Bei europäischen Karten, die meist in Belgien und UK gedruckt werden, existiert diese Kritik selten. Die Karten aus der deutschen Einsteigerbox allerdings haben nicht nur teils zu dunkle Farben, sondern auch eine raue Oberfläche, als wäre die Farbe uneben aufgetragen. Das habe ich zuvor noch bei keiner anderen deutschsprachigen Magic-Karte erlebt. Es kann allerdings gut sein, dass es sich hierbei um den Fehler in einem vereinzelten Produkt handelt beziehungsweise um einen, der sich auf vorab produzierte Presseexemplare beschränkt, da ich die Einsteigerbox als solches von der deutschen Presseagentur keySquare im Auftrag von Wizards of the Coast erhalten habe.
Brettspiele als Verständnisbrücke
Was ich an dieser besagten geschlossenen Qualität der Einsteigerbox nun so spannend finde, ist zum einen die Beobachtung, dass gerade Wizards of the Coast sie nicht nur bei Magic anwendet. Das Dungeons & Dragons-Starter-Set, das auf der gamescom 2025 hinter geschlossenen Türen gezeigt wurde und das mittlerweile als Heroes of the Borderlands erhältlich ist, rückt das Pen-&-Paper-Rollenspiel ganz deutlich in Richtung eines Brettspiels – indem es gerasterte Spielbretter beinhaltet, alle Monster und Gegenstände in den mitgelieferten Kampagnen als bebilderte Spielkarten zur Verfügung stellt und geschlossene Minikampagnen in Heftchen anbietet, die jeweils einzelne Aspekte des Spielsystems besonders hervorheben. Damit lässt sich das Starterset theoretisch dauerhaft unverändert immer wieder als Gesellschaftsspiel spielen, oder eben als Basis für komplexere Kampagnen hernehmen. Die Brücke, die hier vom Pen-&-Paper-Spiel zum Brettspiel geschlagen wird, genau wie bei der Magic-Einsteigerbox vom TCG zum LCG, ist eine komplett logische. Letztendlich sind beide (respektive alle vier, je nach Perspektive) nur anders gewichtete Seiten derselben Medaille, und sie nutzen in vielen Bereichen eine gemeinsame Sprache, die jeweils eine enorme Komplexität annehmen kann, jedoch gerade auf einem grundlegenden Level sehr übertragbar bleibt. Das Verständnis von Spielmechaniken lässt sich oft problemlos von einem Spiel aufs andere übertragen, da sich die Bedeutung von Grundelementen der Spielregeln stark ähnelt.

Das Dungeons & Dragons-Starter-Set verfolgt einen ähnlichen Brettspielansatz mit Spielkarten, Spielbrettern und mehr (Wizards of the Coast).
Indem also Magic die Komplexität stets neu zu sammelnder, besserer Karten aus dem Einstieg ins Spiel nimmt – und damit zunächst auch den enorm kapitalisch aufgeladenen Druck, immer beim aktuellsten Set mitzuspielen – wird der Start ins Spiel deutlich attraktiver für Menschen, die mit TCGs nichts anfangen können oder wollen. Genauso, wie die ‚brettspieligere‘ Ausstattung von D&D-Kampagnen durch Spielkarten, Spielbretter und Pappfiguren die ansonsten stark abstrahierte Spielebene von Pen-&-Paper-Rollenspielen verständlicher für Menschen macht, die zwar Brettspiele kennen, aber Dungeons & Dragons eben noch nicht.
Letztendlich sind diese Starterboxen also semantische Kniffe, die ihre Spielkonzepte durch clevere Reduktion und das Zusammenlegen von Bedeutungen verständlicher und ansprechender machen, dabei aber gleichzeitig den Weg offen halten, die eigene Spielerfahrung beliebig variabler und komplexer zu gestalten. Und damit: keine schlechte Sache.

