Nichts gelernt? Die Darstellung von Kleopatra VII. in Magic: The Gathering
Mario Sommer analysiert die an Assassin’s Creed: Origins angelehnte Darstellung der Pharaonin Kleopatra in Magic: The Gathering. Ein Beitrag im Sammelband Exploring Card Games.

„Was du da sagst, o Cäsar, ist infam!“ schreit Kleopatra VII. Gaius Iulius Caesar im zweiten Asterix-Band Asterix und Kleopatra entgegen. Dieser erschien erstmals im Jahr 1968 auf deutsch. Genau dadurch kamen wohl viele zum ersten Mal mit der letzten Königin der Ptolemäer in Kontakt, spätestens jedoch im Geschichts- oder Lateinunterricht. Besonders spannend ist dabei, dass Kleopatra VII. darüber hinaus immer wieder in Literatur und Popkultur auftaucht. Sei es in William Shakespeares berühmter Tragödie Antony and Cleopatra, in monumentalen Filmen wie Cleopatra mit Elizabeth Taylor in der Hauptrolle oder in digitalen Spielen wie Sid Meier’s Civilization VI. In den modernen Massenmedien finden sich unglaublich viele verschiedene Kleopatra-Bilder, wobei sie häufig als sogenannte Femme fatale dargestellt wird: Als eine Frau, die verführerisch-manipulativ ist und ihre Weiblichkeit gezielt einzusetzen weiß. In Magic: The Gathering bekam sie mit dem im Jahr 2024 erschienenen Set Jenseits des Multiversums: Assassin’s Creed einen Auftritt als ihre eigene Spielkarte. Die Karte trägt ihren lateinischen Namen: Cleopatra, Exiled Pharaoh oder auf deutsch Cleopatra, verbannte Pharaonin. Damit stellt sich eine spannende Frage: Wie wird Kleopatra VII. in Magic: The Gathering dargestellt?
Insgesamt wurden vier Ausführungen der Karte gedruckt, die sich zwei unterschiedliche Illustrationen teilen. Das erste Artwork, gezeichnet von Mandy Jurgens, zeigt Kleopatra in einem weißen, Figur umspielenden Kleid. Sie trägt viel Schmuck: Zwei goldene Armreifen, eine bunte Halskette sowie goldenen Kopfschmuck. Auf ihrer Brust befindet sich ein goldener Skarabäus. Die Gesamtdarstellung wirkt eher ruhig. Sie sitzt auf einem Thron und macht mit ihrer linken Hand eine majestätisch anmutende Geste.

Cleopatra, verbannte Pharaonin Version 1. Quelle: Wizards of the Coast/Scryfall.
Das zweite Artwork wurde von Néstor Ossandón Leal gemalt. Kleopatra trägt auch hier goldenen Kopfschmuck und Armreifen. Ihr Kleid ist jedoch viel freizügiger: Ihr Dekolleté, ihre Hüften und teilweise auch ihr Bauch sind deutlich zu sehen. Der Gesamteindruck der Zeichnung wirkt im Gegensatz zum ersten Artwork viel angespannter. Kleopatra steht mit zwei Männern an einem Tisch und zeigt mit ihrem linken Zeigefinger auf eine Karte. Die Szene kommt so ähnlich auch in Assassin’s Creed: Origins vor.

Cleopatra, verbannte Pharaonin Version 2. Quelle: Wizards of the Coast/Scryfall.
Beide Artworks weisen auf die Kategorie der Femme fatale hin. Die Artworks zeigen Kleopatra stark sexualisiert, insbesondere das zweite. Die Sexualisierung findet vor allem durch ihre freizügige und körperbetonende Kleidung statt. Es scheint so, als stehe allein ihr Aussehen bzw. ihr Körper im Vordergrund. Spielmechanisch hat Cleopatra, verbannte Pharaonin zwei Fähigkeiten (Abilities) zur Verfügung: Verbündete und Verrat. Ersteres gibt dem Spielenden die Möglichkeit, eine +1/+1-Marke am Anfang des Endsegments auf maximal zwei weitere legendäre Kreaturen zu legen. Mit dem Einsatz der zweiten Ability verliert der Spielende zwar zwei Lebenspunkte, kann aber nach dem Tod einer legendären Kreatur so viele Karten ziehen, wie Marken auf dieser liegen. Die Namen der Fähigkeiten suggerieren dabei, dass Kleopatra machtgierig sei und vor nichts zurückscheue, um ihre Ziele zu verwirklichen, was wiederum Merkmale für eine Femme fatale sind. Je nachdem, wie es ihr gerade passt, handle es sich für sie um Verbündete oder auch nicht. Vor Verrat gegenüber den eigenen Leuten schrecke sie nicht zurück.
Die Interpretation von Kleopatra VII. als Femme fatale lässt sich auf ähnliche Art und Weise auch in den antiken Quellen finden. So schreibt der Grieche Plutarch über Kleopatra folgendes: „Bei dem so gearteten Charakter des Antonius kam als letztes Übel über ihn seine Liebe zu Kleopatra, brachte viele Leidenschaften, die noch verborgen in ihm schlummerten, zu hellem Aufflammen, und wenn noch etwas Gesundes und Heilsames in ihm sich dem widersetzen wollte, unterdrückte und vernichtete sie das vollends“. Der Historiker Lucius Cassius Dio beschreibt sie in ähnlicher Manier: „Herrlich war es, sie anzusehen und ihr zu lauschen, und sie konnte so jeden, selbst einen liebessatten Mann in bereits vorgerücktem Alter, sich gefügig machen. Daher fand sie es wünschenswert, Caesar [= Gaius Iulius Caesar] zu begegnen, und setzt alle Thronansprüche auf ihre Schönheit“.
Cassius Dio betont außerdem Kleopatras besonderes Aussehen. Sie sei „eine Frau von einzigartiger Schönheit und damals in der Blüte ihrer Jugend besonders berückend“ gewesen. Plutarch meint zudem, dass sie „einen unwiderstehlichen Reiz“ gehabt hätte. Neben diesen literarischen Quellen sind uns auch Münzen mit einem Bildnis der Kleopatra überliefert. So ist sie zum Beispiel auf einem römischen Denar aus dem Jahre 32 v. Chr. zu sehen. Ihr Kopf blickt nach rechts und sie trägt ein Diadem. Um die Büste herum ist folgende Inschrift eingeprägt, in der der Name Kleopatra fällt: „CLEOPATRAE REGINAE REGVM FILIORVM REGVM“. Somit ist eindeutig, dass es sich bei der dargestellten Frau um Kleopatra VII. handeln muss.

Revers der Münze RRC Nr. 543/1. Quelle: http://www.nbeonline.de/
Auf Basis der dargelegten Quellen muss jedoch festgehalten werden, dass wir nicht wissen, wie genau Kleopatra aussah. Denn Plutarch und Lucius Cassius Dio schrieben ihre Werke weit nach dem Tod der Kleopatra. Ersterer verfasste sein Werk ab 96 n. Chr. und letzterer wohl ab Anfang des 3. Jahrhunderts n. Chr., während Kleopatra bereits am 12. August 30 v. Chr. durch Selbstmord starb. Zeitlich liegen beide Schriftsteller somit viel zu weit weg. Für sie war es schlichtweg nicht mehr möglich, potenzielle Augenzeugen für ihre jeweiligen Werke zu befragen. Lediglich anhand der zeitgenössischen Münze, die schließlich zwei Jahre vor ihrem Tod geprägt wurde, kann man erahnen, wie sie ungefähr ausgesehen haben könnte. Die literarischen Quellen, die uns überliefert sind, sind durchzogen von antiker Propaganda gegen die ptolemäische Königin, während die Münzen Propaganda für sie selbst darstellen können. Insbesondere die bereits erwähnten Autoren Plutarch sowie Cassius Dio verwendeten bei ihrer schriftstellerischen Arbeit wohl Quellen, die ein dediziert schlechtes Bild von Kleopatra zeichneten. Und aufgrund des Prägejahres der gezeigten Münze kann eine Verwendung dieser zu Propagandazwecken nicht ausgeschlossen werden. Marcus Antonius und Kleopatra VII. befinden sich gegen Octavian, den späteren römischen Princeps Augustus, zum Prägezeitpunkt noch im Krieg. Erst ein Jahr später, 31 v. Chr., siegte Octavian über das Paar.
Zwischen den Zeilen der oben besprochenen antiken Quellen kann man auch eine gewisse Misogynie gegen die ptolemäische Königin erkennen. Dieser Hass befindet sich nämlich in dem beschrieben Typus der Femme fatale selbst. Er versammelt misogyne Klischees und Vorurteile unter einer männlichen Sicht. Der sogenannte Male Gaze ist damit auch in Magic: The Gathering vertreten. Dieser angesprochene Hass gegen sie findet sich auch völlig offenkundig bei zwei Zeitgenossen Kleopatras: dem Staatsmann Cicero sowie dem Dichter Horaz. Cicero schreibt in einem Brief an seinen Freund Atticus, dass er Kleopatra hasse. Im ersten Buch der Oden des Horaz beschreibt das lyrische Ich Kleopatra als ein „todbringende[s] Ungeheuer“.
Kleopatras Darstellung in Magic: The Gathering stimmt nicht nur mit der antiken Überlieferung überein, sondern offensichtlich auch mit derjenigen aus dem 2017 erschienen Action-Adventure Assassins Creed: Origins, veröffentlicht durch Ubisoft. Denn auch in diesem digitalen Spiel wird sie überaus sexualisiert gezeigt und als Femme fatale inszeniert.

Kleopatra aus Assassin’s Creed: Origins mit dem Kleid, welches sie in dem ersten Artwork der Karte Cleopatra, verbannte Pharaonin trägt. Quelle: Steam-Forum zu AC: Origins, User-Screenshot „Despair“

Kleopatra aus Assassin’s Creed: Origins mit dem Kleid, welches sie in dem zweiten Artwork der Karte Cleopatra, verbannte Pharaonin trägt. Quelle: AC-Wikia.
Lediglich im ersten Artwork ist sie nicht so stark sexualisiert wie das Vorbild aus dem digitalen Spiel. Das zweite Artwork ist dagegen fast identisch mit der Darstellung aus Assassin’s Creed: Origins. Die Möglichkeit, Kleopatra von ihrer Darstellung aus dem digitalen Vorbild für diese Spielkarte zu lösen, wurde von Wizard of the Coast und Ubisoft nicht wahrgenommen.
Es sollte deutlich geworden sein, dass sich die Darstellung von Kleopatra VII. als Femme fatale in Magic: The Gathering auf nahezu identische Art und Weise in den Schriften von Cicero, Horaz, Plutarch und Cassius Dio wiederfinden lässt. Wenn Spielerinnen und Spieler mit der Karte Cleopatra, verbannte Pharaonin eine Partie Magic bestreiten, spielt auch immer die Antike mit ihrer negativen sowie misogynen Sichtweise auf die ptolemäische Königin mit. Die Karte Cleopatra, verbannte Pharaonin reiht sich somit in die zahlreichen sexualisierten Darstellungen von Kleopatra aus Literatur und Popkultur ein.
Über den Autoren
Aufbauend auf sein Bachelorstudium der Geschichte, Vergleichenden Kulturwissenschaft und Politikwissenschaft studiert Mario Sommer derzeit den Master Alte Geschichte – Klassikstudien. Seine Interessenschwerpunkte liegen vor allem bei Mythen, Politikgeschichte und Alte Geschichte im (Digitalen) Spiel.
Bibliografie
Bei Zitaten der antiken Autoren richten sich die Stellenangaben nach den Abkürzungen der Enzyklopädie Der Neue Pauly.
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Daugherty, Gregory. 2023. The Reception of Cleopatra in the Age of Mass Media. Bloomsbury Academic.
Draycott, Jane. 2022. Playing Cleopatra in Assassin’s Creed: Origins. In: Women in Classical Video Games. Bloomsbury Academic.
Gödl, Anja. 2023. Von der lebenden Göttin zur ehrlosen Schlampe: Die Darstellung Kleopatras in ‚Assassin’s Creed Origins‘. Paidia.
Goscinny, René / Uderzo, Albert. 1968. Asterix und Kleopatra. Ehapa.
Hilmes, Carola. 1990. Die Femme fatale. Ein Weiblichkeitstypus in der nachromantischen Literatur. J. B. Metzler.
Kienast, Dietmar. 1997. Augustus. In: Der Neue Pauly 2. J. B. Metzler.
Kracher, Veronika. 2025. Misogynie & Antifeminismus. In: Handbuch Gaming & Rechtsextremismus. Voraussetzungen | Einstellungen | Prozesse | Auswege. bpb.
Pelling, Christopher. 2000. Plutarchos. In: Der Neue Pauly 9. J. B. Metzler.
Pfeiffer, Stefan. 2017. Die Ptolemäer. Im Reich der Kleopatra. W. Kohlhammer.
Schwarz, Angela. 2023. Geschichte in digitalen Spielen. Populäre Bilder und historisches Lernen. W. Kohlhammer.
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Corpora, Textausgaben und Übersetzungen
Crawford, Michael. 1974. Roman Republican Coinage. Cambridge University Press.
Lucius Cassius Dio. 2009. Römische Geschichte. Band II. Bücher 36–43. Übers. von Otto Veh. Artemis & Winkler.
Marcus Tullius Cicero. 1980. Atticus-Briefe. Lateinisch-deutsch. Übers. von Helmut Kasten. Heimeran.
Ploútarchos. 2010. Grosse Griechen und Römer. Band 5. Übers. und mit Anmerkungen versehen von Konrat Ziegler und Walter Wuhrmann. Artemis & Winkler.
Quintus Horatius Flaccus. Sämtliche Werke. Lateinisch-deutsch. Hrsg. und übers. von Niklas Holzberg. De Gruyter.
Spiele und Filme
Assassin’s Creed: Origins. 2017. Entwickler: Ubisoft Montreal. Publisher: Ubisoft. Windows/PS4/Xbox One/Google Stadia.
Magic: The Gathering. Jenseits des Multiversums: Assassin’s Creed. 2024. Verlag: Wizard of the Coast. Hersteller: Hasbro.
Mankiewicz, Joseph. 1963. Cleopatra. 20th Century-Fox.
Sid Meier’s Civilization VI. 2016. Entwickler: Firaxis. Publisher: 2K Games. Windows/macOS/Linux/Nintendo Switch/Xbox One/PS4/iOS/iPadOS/Android.

